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VOM TUN UND ZULASSEN. ODER: SCHEI**T MAN DIR AUF DEN SCHÄDEL?

• VOM TUN UND ZULASSEN. ODER: SCHEI**T MAN DIR AUF DEN SCHÄDEL? •

Ihr kennt doch den Spruch „Zum Streiten gehören immer zwei.“. Aber nicht nur zum Streiten braucht es zwei Parteien, die ihren Teil zum Konflikt beitragen. Auch wenn in einer Beziehung ein – objektiv betrachtetes – Ungleichgewicht besteht, gehören immer zwei Personen dazu, diese Schieflage ent- und bestehen zu lassen. Zum Beispiel in einer Partnerschaft, in der sich einer mies benimmt, und der andere es leidend passieren lässt. Oder in einem Familiengeflecht, wenn einer nur gibt und ein anderer nur nimmt.

Von außen betrachtet scheint die Lage oft ganz einfach. Wir urteilen schnell, sehen den einen als Miesmacher, Betrüger, Ausnutzer, und den anderen als armen Leidenden, der unverschuldet in eine blöde Lage gekommen ist. Wut entsteht, Hass vielleicht sogar auf denjenigen, der sich ja so offensichtlich falsch und gemein verhält. Der Schuldige ist identifiziert, die Lage scheint klar.

Aber – und entschuldigt jetzt bitte meine Sprache: Wenn einer dem anderen auf den Schädel scheißt, ist es ja nicht nur so, dass das jemand tut. Es braucht auch immer einen dazu, der sich auf den Schädel scheißen lässt.

Ich selbst war einmal in so einer Situation, in einer Beziehung, die viele Jahre lang nicht so gelaufen ist, wie ich mir das gewünscht habe. Ich habe emotional nicht das bekommen, was ich gebraucht hätte, war oft traurig und einsam. Für meine Freunde war und ist die Lage bis heute klar: Er war ein Arschloch, ein schlechter, böser Mensch. Er ist schuld. Kaum jemand sieht meinen Teil der Verantwortung an der Situation.

Aber ich habe mir auf den Schädel scheißen lassen! Freiwillig! Ja, ich war verliebt, aber niemand hat mich zu etwas gezwungen, ich war nirgendwo angekettet, ich hätte jederzeit sagen können: „Genug! Ich gehe, ich lasse mir das nicht länger gefallen!“. Aber ich habe es nicht getan. Und das ist mein Anteil an der Geschichte. Mein Teil der Verantwortung dafür, dass es mir so lang nicht gut gegangen ist. Ich habe gewählt, ich habe entschieden, ich habe keine Grenze gezogen.

Deswegen kann ich nur an jeden apellieren, der in so einer schiefen Beziehungslage ist, sich zu fragen: „Lasse ich mir gerade auf den Schädel scheißen?“. Und wenn die Antwort „Ja“ lautet, übernehmt bitte die Verantwortung für Euer eigenes Wohlergehen und zieht eine Grenze. Auch – und gerade – wenn Ihr jemanden liebt. Denn Grenzen bringen nicht nur für einen selbst, sondern auch für das Gegenüber Klarheit. Und Grenzen bringen Respekt – oder was denkt Ihr, wie Euch jemand sieht, für den Ihr Euch verbiegt, klein macht, und von dem Ihr Euch ausnutzen lässt?

Und nicht zuletzt: Indem Ihr „Stopp!“ sagt, und sein Verhalten für den anderen Konsequenzen hat, gebt Ihr ihm die Verantwortung für sein eigenes Handeln wieder zurück. Wenn Ihr aus Sorge, Liebe, Verantwortungsgefühl, oder einfach weil Ihr so ein großes Herz habt, jemandem keine Grenzen setzt, tut ihr demjenigen nichts Gutes. Er wird so nie Eigenverantwortung lernen und die Welt nicht verstehen, wenn ihn jemand anderer einmal in die Schranken weist. Und das kann man nicht wollen für jemanden, den man liebt.

 

(Foto von Tyler Nix auf Unsplash)
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