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A BLAST FROM THE PAST

• A BLAST FROM THE PAST •

Manchmal holt einen irgendwie die Vergangenheit ein. Oder zumindest fühlt es sich für den Moment so an. In den letzten Wochen habe ich nämlich ein paar Leute getroffen, die früher einmal sehr wichtig für mich waren, die ich aber – mit mehr oder weniger Herzschmerz – am Weg ins Erwachsenwerden verloren habe.

Dieses Wieder-Anschließen war schön. Zu hören, wie es dem anderen ergangen ist in den letzten Jahren, wie sich Leben entwickelt haben. Ich hab mich gewundert, wie man trotz Facebook und gemeinsamer Bekannter dann doch den Kontakt so verlieren kann, mich über gemeinsame Erinnerungen gefreut, und darüber, dass wir – in allen Fällen – beschlossen haben, nicht wieder so viel Zeit vergehen zu lassen, bis wir uns das nächste Mal sehen.

Ich hab aber auch bemerkt, dass durch das wieder Auflebenlassen dieser alten Verbindungen Emotionen hochgekommen sind, die ich tagelang nicht einordnen konnte: eine Art Melancholie, ein Gefühl von in mich Zurückgezogensein, ein bisschen wie einen Film zu sehen, in dem jemand mitspielt, der aussieht wie ich und der mein Leben führt. Komisch hat sich das angefühlt. Als wäre ich gleichzeitig total involviert, aber auch irgendwie außen vor.

Beim Versuch, diese Empfindungen einzuordnen, habe ich zuerst gedacht, meine Erinnerung spült mir die Gefühle wieder hoch, die ich teilweise gefühlt habe, als diese alten Freundschaften zerbrochen, diese Beziehungen zu Ende gegangen sind. Mit ein bisschen Verlassenheit, Alleinsein und Enttäuschung hätte man mein Gefühlschaos nämlich schon beschreiben können.

Aber irgendwie hab ich meine Erklärungs-Therorie nicht glauben können. Die Verzweiflung hat gefehlt, die Ohnmacht und die Kränkung, die ich in verschiedengroßer Ausprägung auch mit diesen Menschen verbinde, keine Sehnsucht nach dem, was einmal war. Trotzdem hatte ich immer wieder Tränen in den Augen. Und als ich sie dann habe fließen lassen, war mir plötzlich klar, was ich da gefühlt habe:

Getrenntsein. Ich habe realisiert, dass die Verbindungen, die da eimal waren, nicht mehr sind. Dass man sich nicht so aufeinander einlässt, wie man das vielleicht früher getan hat, dass der Austausch nicht mehr so tief ist, wie man das in Erinnerung hat, dass man sich gegenseitig zwar erzählt, aber nicht mehr wirklich teilt.  Und das hat mich traurig gemacht. Natürlich. Jeder von uns kennt das: Trennung macht immer traurig.

In dem Moment, als ich – Krokodilstränen auf den Wangen – das verstanden habe, ist mir ein Bild eingefallen, dass eine Psychotherapeutin mir gegenüber einmal verwendet hat, um mir etwas klar zu machen. Sie hat damals gesagt: „Du stehst entweder auf der Bühne des anderen Menschen und spielt das Spiel mit. Oder du sitzt im Zuschauerraum – vorne, in der Mitte oder ganz hinten. Dort bekommst du zwar noch etwas mit vom Leben des anderen, aber du bist kein Teil mehr davon, du schaust nur mehr zu. Wohin du dich begibst, ist deine Entscheidung.“

Mir hat dieser Vergleich damals sehr geholfen, mich aus einer ungesunden Beziehung zu lösen. Ich musste mich nicht gleich komplett verabschieden, das Theater nicht sofort verlassen, der Loslösungsprozess ist mir so viel leichter gefallen. Und heute hat mir diese Metapher erklärt, warum ich mich so eigenartig allein fühle, so getrennt. Ich sitze nämlich im Zuschauerraum. Und verglichen damit, wie intensiv ein Miteinander sich früher mit diesen Menschen angefühlt hat, ist das jetzt irgendwie fahl. Und traurig.

Aber seit ich das weiß, geht es mir besser. Die Traurigkeit war fast schlagartig weg. Denn ich habe erkannt, dass ich mir selbst ausgesucht habe, nicht mehr auf der Bühne dieser Menschen zu stehen. Manchmal im Zuschauerraum zu sein, auch mal ganz vorne, ist ok, kann sogar schön sein, aber ich möchte nicht mehr auf diese Bühnen, möchte nicht mehr in das Theater deren Leben involviert sein. Fast erleichtert fühle ich mich jetzt. Und beim nächsten Aufeinandertreffen kann ich das Schauspiel auf der Bühne von der ersten Reihe aus sicher noch viel mehr genießen.

 

(Foto von Eszter Biró on Unsplash)
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